Was geschieht, wenn persönliche Erfahrung auf eine innovative Denkweise trifft?
Für Menschen mit Diabetes und ihre Angehörigen kann die Sorge um die zuverlässige Funktion lebenswichtiger medizinischer Geräte eine tägliche Herausforderung darstellen. Genau hier setzt MT Protect an. Das Team entwickelt spezielle Schutzlösungen für Insulinpumpensysteme, um Menschen mit Diabetes mehr Sicherheit und Unabhängigkeit im Alltag zu ermöglichen.
Als Community Start-up der Life Science Factory nutzt MT Protect insbesondere die Möglichkeiten der Maker’s Factory, um Ideen in reale Prototypen zu überführen und ihre Schutzlösungen kontinuierlich weiterzuentwickeln. Im Interview mit uns sprechen die beiden Co-Founder Merle und Tom über ihre Vision, die Rolle der Life Science Factory auf ihrer Gründungsreise und die nächsten Schritte auf dem Weg vom Prototyp zum marktfähigen Produkt.
Was ist eure Vision:
„Technik soll nicht mehr limitieren, sondern Freiheit ermöglichen“ – Mit MT Protect möchten wir Schutzlösungen für Insulinpumpensysteme entwickeln, die Menschen mit Diabetes mehr Sicherheit, Freiheit und Lebensqualität im Alltag ermöglichen.
Die Möglichkeiten moderner Medizintechnik sind enorm. Insulinpumpensysteme übernehmen heute Aufgaben, die vor wenigen Jahren kaum vorstellbar waren und ermöglichen Menschen mit Diabetes ein zunehmend selbstbestimmtes Leben. Doch während sich die Technologie im Inneren immer weiterentwickelt, wird ein entscheidender Faktor häufig vergessen: der Alltag, in dem diese Technik funktionieren muss.
Wir wollen dazu beitragen, dass sich Medizintechnik stärker an das Leben der Menschen anpasst und nicht das Leben der Menschen an die Grenzen der Technik. Mit unseren Schutzlösungen möchten wir die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Insulinpumpensysteme sicherer und selbstverständlicher in einen aktiven Alltag integriert werden können.
Langfristig wollen wir diesen Ansatz auf weitere tragbare Medizintechnik übertragen. Unsere Vision ist eine Zukunft, in der technischer Fortschritt nicht nur daran gemessen wird, was ein Gerät leisten kann, sondern auch daran, wie frei Menschen mit dieser Technik leben können.
Das Problem:
Insulinpumpen sind für viele Menschen mit Diabetes ein lebenswichtiger Bestandteil ihrer Therapie. Sie werden rund um die Uhr am Körper getragen und sorgen kontinuierlich für die notwendige Insulinversorgung. Gleichzeitig sind diese hochentwickelten und sensiblen Geräte im Alltag permanent äußeren Einflüssen wie Stößen, Feuchtigkeit, Schmutz oder mechanischen Belastungen ausgesetzt. Beschädigungen können zu technischen Problemen führen, vom Ausfall der Pumpe oder des Sensors bis hin zu ungenauen Glukosemessungen. Daraus können starke Blutzuckerschwankungen oder eine Unterbrechung der Insulinzufuhr entstehen, die im Ernstfall gesundheitlich gefährlich werden können. Doch die Folgen gehen über die medizinische Ebene hinaus. Technische Unsicherheit kann den Tagesablauf beeinträchtigen, Sorgen und Ängste auslösen und langfristig das Vertrauen in die Technik schwächen. Betroffene vermeiden möglicherweise bestimmte Aktivitäten oder schränken sich beim Sport, in der Freizeit oder im Alltag ein.
Bestehende Zubehörlösungen wie Taschen oder Silikonhüllen konzentrieren sich überwiegend auf Tragekomfort und bieten nur begrenzten Schutz vor diesen Belastungen. So kann ausgerechnet die Technik, die Menschen mit Diabetes mehr Freiheit und Lebensqualität ermöglichen soll, in bestimmten Alltagssituationen selbst zur Einschränkung werden. Diese Sorge tragen häufig auch die Angehörigen mit. Besonders Eltern von Kindern mit Diabetes, aber auch Partner und Familienmitglieder leben mit dem Wissen, dass die Betroffenen rund um die Uhr auf eine zuverlässig funktionierende Technik angewiesen sind. Ein Defekt oder Ausfall betrifft deshalb nicht nur den Pumpenträger selbst, sondern kann auch für das gesamte soziale Umfeld eine dauerhafte emotionale Belastung darstellen.
Die Lösung:
MT Protect entwickelt spezialisierte Schutzlösungen für Insulinpumpensysteme und setzt damit dort an, wo bestehendes Zubehör bislang an seine Grenzen stößt. Unser Ziel ist es, sensible und lebenswichtige Technik zuverlässig vor den Belastungen des Alltags zu schützen, ohne ihre reguläre Nutzung einzuschränken. Dabei verstehen wir Schutz nicht als zusätzlichen Komfort, sondern als wesentlichen Bestandteil einer sicheren und alltagstauglichen Nutzung von Medizintechnik. Unsere Entwicklung entsteht unmittelbar aus realen Erfahrungen mit einer Insulinpumpe und wird konsequent aus der Perspektive der Menschen gedacht, die täglich auf diese Technik angewiesen sind. Damit möchten wir nicht nur das Risiko von Beschädigungen und daraus resultierenden Ausfällen reduzieren, sondern vor allem eines stärken: das Vertrauen in die Technik.
Für Betroffene bedeutet das mehr Sicherheit, Freiheit und Selbstbestimmung im Alltag. Gleichzeitig kann ein zuverlässigerer Schutz auch Eltern, Partner und andere Angehörige entlasten, die die Sorge um die Funktionsfähigkeit dieser lebenswichtigen Technik täglich mittragen. Langfristig verfolgen wir damit eine größere Vision: „Medizintechnik soll sich dem Leben der Menschen anpassen und nicht das Leben der Menschen an die Grenzen der Technik.“
Was war bisher euer größtes Learning?
Unser größtes Learning ist, dass Gründen vor allem bedeutet, dranzubleiben. Nicht jeder Ansatz funktioniert beim ersten Versuch, nicht jedes Gespräch führt sofort zum Ziel und Rückschläge gehören genauso zum Weg wie Erfolge. Wir haben gelernt Rückschläge nicht als Scheitern zu sehen, sondern als Chance, Dinge zu hinterfragen, neu zu denken und besser weiterzumachen. Gleichzeitig haben wir gemerkt, wie entscheidend der Austausch und ein starkes Netzwerk sind. Viele unserer wertvollsten Impulse sind durch Menschen entstanden, die ihre Erfahrungen, Perspektiven und auch ihre Fehler offen mit uns geteilt haben. Wir haben gelernt aktiv auf Menschen zuzugehen, Kontakte zu knüpfen und wie viel entstehen kann, wenn man Wissen teilt und sich gegenseitig unterstützt. Und wahrscheinlich ist genau das unser größter persönlicher Gewinn. Auf diesem Weg lernen wir nicht nur jeden Tag mehr über unser Produkt und das Gründen, sondern auch unglaublich viel über andere Menschen und über uns selbst, über unsere Stärken, unsere Grenzen und darüber was möglich ist, wenn man beharrlich bleibt und nicht aufgibt.
Welche Kontakte oder Impulse aus der Life Science Factory waren für euch besonders wertvoll?
Besonders wertvoll ist für uns der Austausch mit anderen Start-ups. Auch wenn wir an ganz unterschiedlichen Themen arbeiten und uns in verschiedenen Entwicklungsphasen befinden, stehen wir häufig vor ähnlichen Herausforderungen. Jeder bringt andere Erfahrungen mit, kann Tipps weitergeben oder neue Perspektiven eröffnen. Gleichzeitig ist es unglaublich hilfreich, Gedanken, Erfolge, aber auch Zweifel und Probleme mit Menschen teilen zu können, die einen ähnlichen Weg gehen und viele dieser Situationen aus eigener Erfahrung verstehen.
Eine besonders wichtige Unterstützung haben wir dabei durch Max Bieker erhalten. Gerade zu Beginn hat er uns die Möglichkeiten der Makers Factory gezeigt, uns in die vorhandenen Maschinen und Geräte eingearbeitet und uns erklärt, wie wir diese für unsere Produktentwicklung nutzen können. Dadurch konnten wir sehr schnell anfangen, eigene Ideen praktisch umzusetzen und unsere ersten Prototypen zu entwickeln. Auch darüber hinaus steht er uns bei technischen oder praktischen Fragen immer wieder mit seiner Erfahrung zur Seite.
Darüber hinaus profitieren wir enorm von dem Netzwerk der Life Science Factory. Kontakte werden weitergegeben und Türen geöffnet. Bei Veranstaltungen entstehen Möglichkeiten, gezielt mit Experten aus unterschiedlichen Fachbereichen, erfahrenen Gründern oder Industrieunternehmen ins Gespräch zu kommen. Für uns zeigt sich immer wieder, dass man nicht jede Antwort selbst haben muss. Es ist oft eher entscheidend, die richtigen Menschen zu kennen, voneinander zu lernen und gemeinsam weiterzukommen.
Was nutzt ihr in der Maker’s Factory am häufigsten?
Die Maker’s Factory ist für uns vor allem der Ort, an dem aus unseren Ideen reale Prototypen entstehen. Da Tom bei MT Protect die technische Entwicklung verantwortet, nutzt hauptsächlich er die Werkstatt und verbringt dort einen großen Teil der Entwicklungszeit. Besonders wichtig sind für uns die verschiedenen technischen Möglichkeiten und Geräte, beispielsweise die FDM-3D-Drucker, SLA-3D-Drucker, die CNC-Fräse sowie die Möglichkeiten zur Herstellung von Silikongussformen. Dadurch können Konstruktionen direkt gefertigt, getestet und anschließend weiterentwickelt werden. Genau diese Möglichkeit, eine Idee nicht nur digital zu konstruieren, sondern sie direkt in die Hand nehmen, ausprobieren und Schritt für Schritt optimieren zu können, ist für unsere Produktentwicklung enorm wertvoll. Gleichzeitig bietet die Maker’s Factory den Raum, eigenständig zu experimentieren, neue Lösungsansätze auszuprobieren und aus jedem Prototyp neue Erkenntnisse für die nächste Entwicklungsstufe mitzunehmen.
Was habt ihr bisher erreicht und welche Ziele verfolgt ihr als Nächstes?
Im September 2025 haben wir in der Life Science Factory angefangen unsere Idee zu entwickeln. Genau das war für uns einer der ersten entscheidenden Meilensteine. Die Möglichkeiten vor Ort, das Know-how und vor allem die Menschen haben entscheidend dazu beigetragen, aus einer persönlichen Idee Schritt für Schritt ein konkretes Gründungsvorhaben zu entwickeln.
Für Tom bedeutete das zunächst sich intensiv in der Maker’s Factory in die technische Produktentwicklung einzuarbeiten. Einen großen Teil des Wissens und der Fähigkeiten, die heute in unseren Prototypen stecken, hat er sich selbst erarbeitet und durch unzählige Versuche immer weiter vertieft. Dabei war die Unterstützung innerhalb der Life Science Factory enorm wertvoll. Insbesondere Max Bieker hat Tom zu Beginn die grundlegenden Möglichkeiten und Arbeitsweisen in der Maker’s Factory gezeigt und ihm damit eine wichtige Basis vermittelt, auf der er sich anschließend selbstständig weiterentwickeln konnte. Bis heute steht Max Bieker ihm bei technischen und praktischen Fragen mit Rat und Tat zur Seite.
Parallel dazu hat Merle die unternehmerischen Grundlagen von MT Protect eigenständig aufgebaut. Diese klare Rollenverteilung ist bis heute eine unserer größten Stärken. Während Tom seine Erfahrungen und Kompetenzen vollständig in die technische Entwicklung einbringt, verantwortet Merle die strategische und unternehmerische Entwicklung des Start-ups.
Dafür hat sie sich Schritt für Schritt unternehmerisches Wissen aufgebaut. Einen wichtigen Beitrag dazu leisteten Gründungsveranstaltungen und Workshops, aber auch eigene intensive Recherchen und vor allem der direkte Austausch mit anderen Gründern, erfahrenen Unternehmern und Experten aus unterschiedlichen Fachbereichen. Gerade diese Gespräche ermöglichten es ihr, von den Erfahrungen anderer zu lernen, unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen und das Wissen unmittelbar auf MT Protect zu übertragen. So hat sie sich zunehmend in Themen wie Markt- und Wettbewerbsanalyse, Geschäftsmodellentwicklung, Finanzierung, Schutzrechte, regulatorische Anforderungen, Positionierung und Markteintritt eingearbeitet. Aktuell nutzt sie dieses Wissen unter anderem, um die Absicherung der Schutzrechte voranzutreiben sowie die notwendigen Strukturen für den späteren Markteintritt aufzubauen.
Technische und unternehmerische Entwicklung laufen dabei nicht unabhängig voneinander. Entscheidungen auf der einen Seite beeinflussen immer auch die andere und werden deshalb kontinuierlich zusammengeführt. Genau darin liegt für uns eine besondere Stärke von MT Protect, zwei klar getrennte Verantwortungsbereiche, die sich optimal ergänzen und gemeinsam auf dasselbe Ziel hinarbeiten.
Eine besonders wichtige Bestätigung erhielten wir durch das Gespräch mit Dr. Sandra Schlüter. Ihre Einschätzung, unsere Idee könne ein „Meilenstein für die Diabetestechnologie“ sein und Menschen wieder Dinge ermöglichen, die vorher kaum möglich schienen, hat uns enorm bestärkt. Eine weitere wichtige Unterstützung folgte durch die ideelle Unterstützungsbekundung des Verbands der Niedergelassenen Diabetologen Niedersachsen. Solche Rückmeldungen zeigen uns, dass der Bedarf, den wir aus eigener Erfahrung erkannt haben, auch aus fachlicher Perspektive gesehen wird.
Seitdem durften wir weitere große Meilensteine erreichen. Wir haben das NBank- Gründungsstipendium erhalten, den ersten Platz beim LIFT-OFF Gründungswettbewerb 2026 in der Kategorie „Gründungspotential“ gewonnen und wurden für den Innovationspreis der Region Göttingen Northeim nominiert. Für uns sind diese Erfolge nicht nur Auszeichnungen, sondern vor allem eine wichtige Bestätigung unseres bisherigen Weges.
Unser nächstes großes Ziel ist es, den ersten vollständig funktionsfähigen Prototyp fertigzustellen und anschließend systematisch zu testen und weiterzuentwickeln. Dabei möchten wir insbesondere die Erfahrungen potenzieller Anwender einbeziehen, denn am Ende muss unsere Lösung nicht nur technisch funktionieren, sondern sich vor allem im realen Alltag bewähren.
Anschließend beginnt für uns eine der spannendsten und zugleich anspruchsvollsten Phasen, in der wir den Weg vom Prototyp zum marktfähigen Produkt gestalten. Dazu gehören die weitere technische Validierung, Schutzrechte, regulatorische Fragestellungen, Finanzierung und der Aufbau der notwendigen Strukturen für einen erfolgreichen Markteintritt. Langfristig denken wir dabei bereits über unsere erste Schutzlösung hinaus. Unser Ziel ist es, den Ansatz von MT Protect Schritt für Schritt auf weitere tragbare Medizintechnik zu übertragen.
Denn unser Erfolg bemisst sich für uns am Ende nicht daran, ob wir einen funktionierenden Prototyp entwickelt oder einen Wettbewerb gewonnen haben. Unser eigentliches Ziel ist erreicht, wenn aus unserer Idee ein Produkt geworden ist, das seinen Weg zu den Menschen findet und ihnen im Alltag spürbar mehr Sicherheit, Freiheit und Lebensqualität ermöglicht.
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